Magazin Mensch

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Latex und Wachs auf der Haut, Ernstfall im Kopf

Realistische Notffalldarstellung

Blutende Platzwunden, verbrannte Haut, zerrissene Kleidung, kreidebleiche Gesichter und dazwischen verzweifelte Rufe nach Angehörigen, zitternde Hände, Tränen. Was wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm wirkt, entsteht aus einem Schminkkoffer. Flüssiger Latex, Spezialwachs und Kunstblut in allen Schattierungen. Aus Pinselstrichen werden Platz- und Brandwunden, offene Brüche, scheinbar amputierte Finger oder Beine. All das ist kein Selbstzweck, sondern eine Übung, um im Ernstfall Leben zu retten. 

Realistische Notffalldarstellung

„Ich bin mit Kunstblut und Blaulicht aufgewachsen.“ Kati Schwanemann, gebürtige ­Staderin, arbeitet hauptberuflich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Ihre Eltern engagieren sich seit vielen Jahren beim Deutschen Roten Kreuz und haben sich dort kennengelernt. „So richtig benennen, wann das bei mir angefangen hat, kann ich nicht. Als Kind war ich schon Mime und der Rest hat sich drumherum geformt“, sagt sie. Heute leitet sie die Realistische Notfalldarstellung im Katastrophenschutz des DRK-Kreisverbandes Stade, eine Gruppe mit mehr als zwanzig engagierten Menschen. Zwischen Schminkkoffern, Einsatzwesten und Blaulicht wissen sie, wie wichtig ihre Arbeit für die Sicherheit vieler Menschen ist. „Für mich ist das eine Mischung aus Kreativität und Verantwortung. Wir schaffen Situationen, die Einsatzkräfte wirklich weiterbringen.“ Wer Kati und ihre Gruppe erlebt, merkt schnell, dass es um mehr geht als um Theater. Fotos echter Verletzungen werden studiert, medizinische Abläufe besprochen und Berichte aus Einsätzen durchgegangen. Viele bringen Erfahrungen aus Krankenhäusern, aus der Pflege oder aus dem Rettungsdienst mit. „Es gibt mehrere Ausbildungen im Bereich Sicherheit und Schminken“, erklärt Kati.

„Aber richtig gut wird man durch Erfahrung.

Die Gruppe gestaltet Notfallübungen für viele Bereiche. Mal handelt es sich um einen simulierten Busunfall, mal um einen großen Brand oder um ein Szenario in einem Freizeitpark. Je nachdem, wer übt, ob Jugendrotkreuz, ­Katastrophenschutz, Feuerwehren oder Behörden, werden die Szenen angepasst. Die Übungsteilnehmenden sollen gefordert, aber nicht überfordert werden. „Meistens gibt es Vorgaben, manchmal ganz konkrete medizinische Lernziele“, sagt Kati. Über das Netzwerk des Roten Kreuzes kommen oft weitere Darsteller hinzu. Menschen, die sonst selbst Einsätze fahren, probieren die andere Seite aus. Dann stehen fünfzig oder hundert Mimen auf einem Platz und rufen um Hilfe, stolpern, weinen oder wirken verwirrt. „Die Schminke ist das eine. Wichtig sind auch die Gefühle. Wenn Menschen zittern, Angst spielen, wenn sie unvorhersehbar reagieren, dann merken die Helfer, wie sich ein Einsatz anfühlen kann. Dieser kann belastend sein, für alle“, sagt sie. „Da geht es um Angst um Angehörige, um das eigene Leben, um Stresssituationen, die nachwirken.“ Mit Puppen lässt sich das nicht so üben. Die Gruppe hat dafür einen Satz gefunden, der es auf den Punkt bringt. „Mit uns übt es sich realistischer.“

„Neue Mimen müssen nichts Besonderes mitbringen. Wir führen alle langsam heran“, so Kati. „Am Anfang gibt es kleine Wunden und überschaubare Rollen. So kann jede Person in Ruhe spüren, wie es sich anfühlt zu spielen. Wie es ist, wenn Menschen in Einsatzkleidung einen anfassen und Verbände anlegen. „Es ist körpernahe Arbeit und alle Mimen können jederzeit Stopp sagen“, erklärt Kati. Es soll den Menschen gut gehen, die sich hier engagieren. Und man entdeckt eine neue Seite an sich. Rollen wechseln, sich in andere hineinzuversetzen, laut werden oder ganz still bleiben, all das gehört dazu. „Man lernt viel über sich selbst“, sagt Kati. 

Und dann ist da noch die elfjährige Hildegard, Katis Hund. Im Team gilt sie augenzwinkernd als stellvertretende Leiterin. Hildegard ist bei vielen Terminen und Einsätzen dabei, das ist immer nett und auflockernd. Nur bei gefährlicheren Übungen, etwa wenn Fahrzeuge aufgeschnitten werden, bleibt sie zuhause. Am Ende treibt Kati ein Gedanke an. Die dramatischen Szenen sollen dazu beitragen, dass im Ernstfall alle gut vorbereitet sind. „Wir machen das alles, damit Menschen in Not besser geholfen werden kann.“ Darüber hinaus fungiert die Realistische Notfalldarstellung auch als Einsatzkräftereserve: Die Mitglieder bringen unterschiedliche Qualifikationen aus der Einsatzkräftegrundausbildung und teils auch aus Fachdienstausbildungen mit. Dadurch können sie im Ernstfall die bestehenden Einheiten flexibler unterstützen, nicht nur in Übungszenarien.

Wer beim Lesen das Gefühl hat, dass ihn diese Mischung aus Ernst und Kreativität anspricht, ist bei Kati und ihrer Gruppe richtig aufgehoben. Gesucht werden Menschen, die neugierig sind und über sich hinauswachsen wollen. Wer bereit ist, sich schmutzig zu machen und neue Seiten an sich zu entdecken, findet hier seinen Platz.

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Gruppe Realistische Notfalldarstellung
Leiterin:
Katharina Schwanemann
Telefon: 0162 1392824
E-Mail: rnd@kv-stade.drk.de

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