Magazin Mensch

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Nicht ihre Welt ist anders, unsere Sicht darauf ist es

Justin geniesst die pure Menschlickeit.
Justin geniesst die pure Menschlickeit.

Warum das Haus am Hofacker ein Ort ist, der unsere Haltung verändert.

Reportage von Franziska Kampmann. Ein grauer Himmel liegt über dem Landkreis Stade, Nieselregen an der Fensterscheibe. Kein Wetter für gute Laune. Und doch sitze ich da, mit kribbelnder Vorfreude. Ich verlasse mein Büro und gehe zu einem Ort, der mich jedes Mal verändert. Nicht, weil er laut ist oder schrill. Sondern weil er still berührt. Weil er Menschen sichtbar macht, die wir viel zu oft nicht sehen.

Das „Haus am Hofacker“. Eine Wohn- und Langzeiteinrichtung für Menschen mit schweren Behinderungen. Und heute bin ich mittendrin. Das Tor schließt sich hinter mir. Abgeschlossen, aber nicht ausgrenzend, sondern schützend. Ich gehe durch den Garten, der parkähnlich wirkt. Die Wege sind barrierefrei, die Atmosphäre ruhig. Ich atme tief durch. Gleich beginnt mein Tag in einer Welt, in der vieles anders ist und in der genau deshalb so viel zählt.

Drinnen riecht es nach einem Hauch von Desinfektionsmittel. Es hängt Selbstgemachtes an den Wänden. Collagen, Fingerfarben, Fotos. Alles ist ein bisschen schief, nichts ist perfekt, aber es erzählt Geschichten. Ein kratziger Laut durchbricht die Stille. Jemand schreit, oder ruft. Was bedeutet es? Schmerz oder vielleicht auch Freude? Vielleicht einfach nach: Ich bin da! Ich bin angekommen. Ich treffe Maik im Raum der Produktionsgruppe. Er sitzt mit seinem Kollegen Mirco zwischen fünf Bewohnern. Nicht alle schauen auf. Einer sitzt starrend in der Ecke, seine Hände ­zucken leicht. Ein Bewohner sitzt im Rollstuhl und hat einen Ball in der Hand. Und dann: „Hallo, wie schön, dass du da bist!“, ruft Manfred quer durch den Raum. Er strahlt über das ganze Gesicht. „Ich hatte heute ein Brötchen mit Salami und Käse und zwei Tassen Kaffee. Jetzt bin ich fit.“ Neben ihm sitzt Volker, ein schmaler Mann, der wenig sprechen kann, aber viel sagt. „Winnetou! Freund!“ ruft er mit einer Begeisterung, die mich lächeln lässt. Mirco flüstert mir zu: „Bei den Karl-May-Festspielen war er der glücklichste Mensch der Welt.“ Diese Gruppe hier ist die Produktionsgruppe. Einige der Menschen hier sind noch recht fit und können einige Arbeiten mit einer kurzen Konzentrationsspanne erledigen. Volker und ­Manfred sortieren heute kleine Duftölfläschchen in Verpackungen. Die Arbeit kommt eigentlich aus den Schwinge Werkstätten, aber hier hilft man mit. Manchmal konzentriert, manchmal abgelenkt. Immer in dem Tempo, das die Menschen hier können und wollen. Ich beobachte wie die beiden nur mit Blicken angeleitet werden. Volker nickt, wenn er eine richtig eingelegt hat. Es ist wie ein stiller Tanz. Nichts Besonderes, aber irgendwie ist es alles. 

In der Servicegruppe wird gepuzzelt. Verschiedene Laute erfüllen den Raum. Worte, Geräusche, Blicke. So viele Arten zu kommunizieren. Mitten im Raum sitzt Jürgen. Graue Haare, kecker Blick, Brille. „Ich bin 79“, sagt er. „Drei Tage die Woche bin ich noch hier.“ Ich sehe ihn an. „Warum?“ Er schaut mich an, als sei das die unsinnigste Frage der Welt. „Weil ich die Menschen hier liebe. Und weil sie mich lieben.“ Ich frage mich, wann ich das letzte Mal mit solcher Überzeugung über meine Arbeit gesprochen habe. Und ich frage mich noch mehr: Wie oft sehen wir Menschen wie diese eigentlich wirklich? Ich beobachte, wie eine Bewohnerin ein Puzzleteil nimmt, es mehrmals dreht, anlegt, zurücklegt, erneut versucht. Ohne Ungeduld. Jürgen sagt: „Und wenn’s nicht passt, wird’s passend gemacht. Das kannst du mir glauben!“ Und zwinkert mir zu.

Volker liebt Winnetou und sein Strahlen zeigt, wie sehr ihn das kleine Sammel­surium an Bildern und Erinnerungen an seinen Helden glücklich macht. In diesem Moment ist er einfach er selbst.  Während nebenan Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam mit einem Betreuer puzzeln, wird deutlich, worum es hier wirklich geht: Teilhabe, Freude an kleinen ­Momenten und das Zusammensein.

Der Duft nach leckerem Essen lockt mich in die Kochgruppe. Auf der Arbeitsplatte liegt Hotdog-Pizza, frisch aus dem Ofen. Julia schneidet sie, langsam, konzentriert. Ihre Bewegungen sind eckig, aber bestimmt. Sie spricht nicht mehr. Und niemand weiß, warum. Aber sie spricht mit den Augen, mit Gesten, mit Lauten. Und ich? Ich verstehe sie. Nicht jedes Wort. Aber die Stimmung, den Wunsch nach Teilhabe. Und das reicht. Außerdem versteht sie es, ihren Aussagen einen gewissen Nachdruck zu verleihen. Ich frage mich: verstehen mich hier alle? Ich weiß es nicht, aber Julia versteht jedes Wort. Eine andere Bewohnerin fährt mit ihrem Rollstuhl in die Küche. Ihr Blick ist starr, der Kopf leicht zur Seite geneigt. Ein feiner Sabberfaden zieht sich über ihr Kinn. Eine Betreuerin wischt ihn sanft weg. Ohne Ekel, ohne Kommentar, sondern Zuwendung.

Ich lerne Justin kennen. Er ist 23 Jahre alt und macht hier seine Ausbildung zum Erzieher. „Ich dachte am Anfang, ich pack das nicht“, sagt er. „Es ist so nah alles. So körperlich. So laut. Und auch irgendwie leise, weißt du?“ Ich nicke. „Aber es hat nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe: Genau das ist das Echte.“ „Was meinst du mit ‚echt‘?“, frage ich. 

„Na, hier gibt’s keine Maske. Du bekommst alles direkt. Freude. Frust. Liebe. Und das berührt. Und du gibst es zurück.“

Am Nachmittag fahren wir mit zwei Bussen zur Sporthalle nach Drochtersen. Alle tragen die gleichen Jacken. Eine Spende vom Lions Club. Imke sitzt hinter mir. 46, wach, witzig, clever. Sie spricht mehrere Sprachen, fährt allein Bahn und besucht ihre Eltern regelmäßig.

In der Halle begrüßt uns Dirk Ludewig, ein Freund des Hauses. Er spielt ein Lied von Winnetou. Volker klatscht, seine Augen leuchten. Die Halle lebt. Justin führt durch das Programm. „Na Harald, kommst du mit, mein Kumpel?“, fragt er und nimmt einen Bewohner an die Hand. Viel läuft über Berührung, Nähe und Vertrauen. Einige werfen Bälle, andere brauchen Unterstützung. Aber alle sind Teil davon. Chaos? Manchmal. Aber liebevolles, lebendiges Chaos. Am Ende liegen alle auf Matten. Man hört Entspannungsmusik, Atemzüge, ein Röcheln. Die Halle wird still. Auf dem Rückweg herrscht Schweigen. Alle sind zufrieden müde. 

Zurück im Haus platzen wir mitten in die Singrunde. Jürgen sitzt mit Gitarre auf einem Hocker und spielt. Einige tanzen, andere wippen mit den Fingern. Wieder andere sitzen einfach da. Die Augen offen und die auch Münder leicht geöffnet. Aber sie sind dabei. 

Und dann kommt sie, diese eine Frage, die mir den Hals zuschnürt: Was, wenn es all das nicht gäbe?

Wenn es keine Orte wie das Haus am Hofacker gäbe. Wo wären sie dann, all diese Menschen, deren Stimmen leiser sind, deren Sprache anders, deren Bedürfnisse größer?

Was wäre, wenn es niemanden gäbe, der ihre Körper hält, ihre Wünsche sieht, ihre Welt versteht? Was wäre, wenn wir alle weiter wegsehen? Wenn wir weiter glauben, das hat nichts mit uns zu tun? 

Das „Haus am Hofacker“ ist kein perfekter Ort. Es ist ein echter. Und vor allem ein notwendiger. Hier wird Teilhabe gelebt. Hier wird Würde gesichert. Hier werden Menschen gesehen. Nicht als Behinderung, sondern als Menschen. 

Es ist an der Zeit, dass wir sie auch in unserer Mitte sehen. Nicht als Projekt. Nicht aus Mitleid. Sondern aus Respekt! Denn sie sind Teil unserer Gesellschaft. Und sie haben ein Recht auf ein Leben, das diesen Namen verdient.

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