Magazin Mensch

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Was passiert, wenn Unternehmen einfach „Ja“ sagen

Vier Männer stehen im Marktkauf-Marktgang; einer trägt Anzug, drei tragen Westen, vor langen Regalen mit Waren im hellen, gefliesten Laden.
Fest im Team integriert: v.l. Marktleiter Herr Holst, Mario R., Herr Pagel (stellv. Marktleitung) und Herr Müller (Getränkeabteilung)


Mario räumt Ware ein, begrüßt Kundinnen und Kunden, spricht mit Kolleginnen und Kollegen und gehört längst ganz selbstverständlich zum Team von EDEKA Meyer’s Frischecenter in Stade. Wer ihn dort erlebt, merkt schnell: Hier arbeitet kein „Praktikant aus einer Werkstatt“. Hier arbeitet ein Kollege. Dass dieser Weg einmal genau so aussehen würde, war vor einigen Jahren noch nicht klar. Mario war Beschäftigter der Schwinge Werkstätten. Heute hat er eine feste Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ein Schritt, der für viele Menschen mit Behinderung noch immer eher Ausnahme als Selbstverständlichkeit ist.

Dabei ist genau das eines der großen Ziele der Schwinge Werkstätten. Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind längst nicht einfach nur Einrichtungen zur Beschäftigung. Sie sollen Menschen fördern, qualifizieren und begleiten. Und sie sollen dort, wo es passt und gewünscht ist, den Übergang in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes ermöglichen.

Dieser Weg beginnt oft mit einem Gespräch. Manchmal kommen Beschäftigte selbst auf die Kolleginnen des Qualifizierungs- und Vermittlungsdienstes zu und sagen, dass sie gerne ausprobieren möchten, außerhalb der Werkstatt zu arbeiten. Manchmal sind es auch Unternehmen, die sich melden, weil sie Interesse daran haben, einen Menschen aus den Schwinge Werkstätten kennenzulernen. Und manchmal braucht es einfach jemanden, der Türen öffnet und beide Seiten zusammenbringt. Denn noch immer gibt es viele Unsicherheiten, Vorurteile und Berührungsängste. Eine der ersten Fragen von Unternehmen lautet häufig: „Was hat er oder sie denn?“ Eine Frage, die viel darüber erzählt, wie wenig Kontakt viele Menschen im Alltag mit Behinderungen haben und wie groß die Unsicherheit oft ist.

Dabei zeigt sich in der Praxis häufig etwas ganz anderes.

Bevor aus einer Beschäftigung eine feste Anstellung wird, steht immer ein Praktikum. Vier Wochen Zeit, um sich kennenzulernen. Vier Wochen, in denen beide Seiten Erfahrungen sammeln können. Die Beschäftigten lernen den Betrieb kennen, die Teams erleben den Menschen hinter der Behinderung. Und als Ansprechpartner stehen immer die Kolleginnen und Kollegen der Schwinge Werkstätten parat. Genau in dieser Zeit verschwinden viele Vorbehalte oft ganz automatisch. Die Rückmeldungen ähneln sich dabei erstaunlich häufig. „So ein hohes Maß an Zuverlässigkeit habe ich selten erlebt“, hören die Zuständigen immer wieder von Unternehmen.

Auch bei Mario begann alles mit einem Praktikum. Gemeinsam mit dem Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst wurde geschaut, welche Aufgaben zu ihm passen und wo seine Stärken liegen. Schnell wurde klar, dass der Einzelhandel gut zu ihm passen könnte. Über einen bestehenden Kontakt entstand die Möglichkeit eines Praktikums bei EDEKA Meyer’s Frischecenter in Stade. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass Mario dort seinen Platz gefunden hatte. Aus dem Praktikum wurde zunächst ein ausgelagerter Arbeitsplatz. Bedeutet: Mario arbeitete bereits im Markt mit, blieb aber weiterhin bei den Schwinge Werkstätten angestellt und wurde eng begleitet. Schritt für Schritt wuchs er in seine Aufgaben hinein, lernte Abläufe kennen und gewann Sicherheit.

Heute ist Mario fest angestellt. Möglich wurde dieser Schritt auch durch das sogenannte Budget für Arbeit, welches eine Alternative zur Beschäftigung in der WfbM darstellt. Dabei erhalten Arbeitgeber finanzielle Unterstützung, wenn sie Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigen. In Niedersachsen kann der Lohnkostenzuschuss dabei bis zu 75 Prozent des Arbeitsentgelts betragen. Zusätzlich werden Anleitung, Begleitung und Unterstützung am Arbeitsplatz gefördert. Um den Schutz der Beschäftigten zu gewährleisten besteht ein unbegrenztes Rückkehrrecht in die WfbM. Begleitet wird das Ganze unter anderem durch den Integrationsfachdienst, der ebenfalls im DRK-Kreisverband Stade angesiedelt ist. Unternehmen und Beschäftigte werden also nicht allein gelassen, sondern während des gesamten Prozesses unterstützt. 

Trotzdem bleibt der Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt für viele Menschen mit Behinderung ein großer Schritt. Nicht jeder wünscht sich diesen Weg. Und nicht für jeden passt er dauerhaft. Die Werkstatt bedeutet für viele Menschen Sicherheit, Struktur und soziale Kontakte. Dort arbeiten Freunde, vertraute Kolleginnen und Kollegen, Menschen, die die eigene Situation verstehen. Der erste Arbeitsmarkt dagegen bringt oft Leistungsdruck, neue Erwartungen und Unsicherheiten mit sich. Das Arbeitspensum ist höher, Abläufe sind schneller und die Angst zu scheitern spielt für viele eine große Rolle.

Genau deshalb geht es bei den Schwinge Werkstätten nicht darum, Menschen einfach „rauszuschicken“. Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, welcher Weg der richtige ist.

Und trotzdem bleibt die Frage, was es über unsere Gesellschaft aussagt, wenn der Weg auf den ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung noch immer etwas Besonderes ist. Vielleicht fehlt es oft gar nicht an Möglichkeiten. Vielleicht fehlt es eher an Offenheit, an Kontakt und an der Bereitschaft, Menschen wirklich kennenzulernen. Denn die Erfahrungen zeigen immer wieder etwas anderes als viele Erwartungen. Wenn Menschen mit Behinderung die Chance bekommen, sich zu beweisen, wachsen viele über sich hinaus. Nicht weil plötzlich alles einfach wird. Sondern weil sie ernst genommen werden und dazugehören.

Die Schwinge Werkstätten verstehen sich deshalb nicht als Endstation. Vielmehr sollen sie ein Sprungbrett sein. Eine Umgebung, in der Menschen wachsen können und Unterstützung bekommen, um ihren eigenen Weg zu finden. Mario ist dafür eines von vielen Beispielen.

Und vielleicht beginnt Inklusion genau dort. Nicht bei großen Konzepten oder perfekten Lösungen. Sondern in dem Moment, in dem jemand sagt: „Wir probieren das einfach gemeinsam aus.“ 

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