Man merkt Kai schnell an, dass er nicht der Typ ist, der Dinge einfach hinnimmt, wie sie sind. Er spricht ruhig, überlegt, manchmal lehnt er sich zurück, schaut kurz zur Seite und dann kommt ein Gedanke, der zeigt, dass er sich schon lange mit dem beschäftigt, was er tut.
Dabei ist sein Weg alles andere als geradlinig. Marine, Bundespolizei, mehrere Jahre in Strukturen, die funktionieren müssen. Und trotzdem blieb irgendwann dieses Gefühl, noch nicht angekommen zu sein. Nicht falsch unterwegs, aber auch nicht da, wo es wirklich passt.
Heute sitzt er als Auszubildender zum Notfallsanitäter im Rettungsdienst und sagt, dass er genau hier hingehört. Dass es sich richtig anfühlt. Und dass er genau deshalb wissen will, wie man diesen Beruf noch besser machen kann.
Vielleicht war es genau dieses Interesse, das seiner Dozentin aufgefallen ist. Jemand, der mehr fragt als nötig, der sich nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengibt und der Dinge verstehen will. Sie war es, die ihn auf ein Programm aufmerksam machte, das vielen gar nicht bekannt ist. Ein Austausch über die DGRE, gefördert durch die EU, mit der Möglichkeit, den Rettungsdienst in einem anderen Land zu erleben.
Zehn Tage Dänemark. Was sich einfach anhört, war in der Vorbereitung alles andere als das. Nachweise, Abstimmungen, Sprachthemen, Versicherungen. Ein organisatorischer Aufwand, der neben dem normalen Ausbildungsalltag erst einmal gestemmt werden muss. Und gleichzeitig die Frage, ob sich das alles wirklich lohnt.
Die Antwort kennt er heute. „Ich war am ersten Tag ultra nervös“, sagt er und lacht dabei, weil es im Rückblick fast absurd wirkt. Englisch sprechen, in ein fremdes Team kommen, nicht genau wissen, wie man aufgenommen wird, ob man überhaupt richtig mitarbeiten kann. All das ging ihm durch den Kopf. Und war im Grunde nach wenigen Minuten erledigt. Von Anfang an wurde er eingebunden, nicht als Gast, sondern als Teil des Teams. Mit jedem Tag ein Stück mehr, bis sich vieles ganz selbstverständlich angefühlt hat. Die Abläufe waren ähnlich, die Logik dahinter vertraut, auch ohne die Sprache vollständig zu verstehen.
Was blieb, war der Blick für das, was anders ist. Und das war eine ganze Menge. In Dänemark, erzählt Kai, werde vieles einfacher gedacht. Nicht im Sinne von weniger Qualität, sondern im Umgang mit Situationen, mit Entscheidungen und in manchen Bereichen auch im Kontakt mit Angehörigen. Angehörige würden dort teilweise noch stärker eingebunden, manchmal sogar bis in den Schockraum begleitet, wenn es die Situation zulässt. „Die sind viel näher dran“, sagt er. „Am Patienten, aber auch an den Menschen drumherum.“
Ein Satz, der bei ihm hängen geblieben ist, kam von seinem Host, dem ärztlichen Leiter von Falck Denmark. Einer dieser Momente, die man nicht vergisst, weil sie etwas auslösen. Er sei kein kleines Licht, hat er ihm gesagt. Sondern eine Führungskraft von morgen. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Kai. Nicht, weil es gut klingt, sondern weil es etwas mit ihm gemacht hat. Weil es den Blick verändert. Weg vom reinen Mitlaufen hin zu der Frage, was man selbst beitragen kann.
Dass diese Haltung auch in der Praxis sichtbar wird, zeigt sich in Situationen, die man so nicht erwartet hätte. Gleich am ersten Tag ein Einsatz, der alles andere als Routine war. Reanimation im sechsten Stock eines Altbaus. Die Patientin stabilisiert, aber bewusstlos, intubiert, angeschlossen an alle notwendigen Geräte. Und dann die Frage, wie man sie nach unten bekommt. Aufgrund der engen Platzverhältnisse wäre ein Transport mit einem Tragetuch nur schwer möglich gewesen. In Kopenhagen wurde die Patientin in einen Tragestuhl gesetzt, sitzend transportiert, der Kopf stabilisiert, konzentriert, ruhig, ohne Diskussion darüber, ob man das so macht. „Die machen einfach“, sagt Kai. Und man merkt, dass ihn genau das beeindruckt hat. Ein anderes Bild bleibt ihm genauso im Kopf. Ein Patient mit einer Aortendissektion, lebensbedrohlich, jede Minute zählt. Der Transport quer durch Kopenhagen, begleitet von einer Polizeieskorte, zwei Motorräder, die den Weg freihalten, keine Verzögerung, keine Umwege. Direkt vom Rettungswagen auf den OP-Tisch. „Das war Wahnsinn“, sagt er. Und in diesem Moment ist er nicht der Auszubildende, der berichtet, sondern jemand, der gesehen hat, wie es auch gehen kann. Dabei geht es ihm nicht darum, Systeme gegeneinander auszuspielen. Er sagt selbst, dass vieles ähnlich ist, dass die Grundlagen gleich bleiben. Aber der Umgang mit Ressourcen, die Einbindung von Fachpersonal, die klare Zuordnung von Zuständigkeiten, all das ist in Dänemark anders organisiert. Psychische Ausnahmesituationen werden dort nicht automatisch durch den Rettungsdienst aufgefangen, sondern von Fachärzten begleitet, die genau für solche Fälle da sind. Der Rettungswagen transportiert die Patienten weiterhin, wird dabei aber durch die entsprechende Expertise unterstützt. „Die lösen Probleme anders“, sagt Kai. „Und oft einfach sehr konsequent.“
Dass er wächst, hat er in diesen Tagen immer wieder gemerkt. Nicht in großen Schritten, sondern in Momenten, in denen plötzlich klar wurde, wie andere denken, entscheiden und handeln. Und dass genau darin eine Chance liegt. „Wir müssen doch schauen, wie andere Sachen machen“, sagt er. „Nur so können wir uns weiterentwickeln.“ Ein Satz, der fast nebenbei fällt, aber genau beschreibt, worum es ihm geht.
Heute ist Kai nicht mehr nur der Auszubildende, der diese Erfahrung gemacht hat. Er ist inzwischen selbst Teil dieses Netzwerks, engagiert sich in der DGRe und unterstützt andere, die ins Ausland gehen. Ein Rollenwechsel, der zeigt, dass diese zehn Tage mehr waren als ein kurzer Einblick. Sie haben etwas angestoßen. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Sondern darum, hinzuschauen, zuzuhören und mitzunehmen, was funktioniert. Und daraus etwas zu machen, das den eigenen Weg besser macht.
Kai spricht davon, den Rettungsdienst weiterzuentwickeln. Nicht radikal, nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt. So, dass der Beruf langfristig funktioniert, für die Menschen, die ihn ausüben, und für die, die auf Hilfe angewiesen sind. Und wenn man ihm zuhört, hat man nicht das Gefühl, dass das nur eine Idee ist. Sondern ein Plan. Und genau solche Wege entstehen nicht allein. Sie entstehen, wenn jemand hinschaut, Potenziale erkennt und Möglichkeiten schafft. Wenn ein Arbeitgeber nicht bremst, sondern unterstützt. Und wenn jemand bereit ist, diese Chance zu nutzen.
Kai hat das getan. Und er wird diesen Weg weitergehen.
