Drei Beschäftigte der Schwinge Werkstätten sitzen und stehen auf einer Bank, zwei zeigen das Victory-Zeichen, eine Person hält eine Flasche.
© Jörg Struwe – picselweb.de

Wo Arbeit mehr bedeutet als ein Auftrag

„Ohne mich könnten die Flugzeuge nämlich nicht fliegen.“

Wer diesen Satz hört, muss unwillkürlich lächeln. Gesagt hat ihn einer der Beschäftigten in den Schwinge Werkstätten, irgendwo zwischen Arbeitsplätzen, Werkzeugen und dem ganz normalen Trubel eines Vormittags. Natürlich weiß er selbst, dass ein Flugzeug nicht von einem einzigen Menschen abhängt. Und doch steckt in diesen wenigen Worten etwas, das lange nachwirkt: ehrlicher Stolz. Der Stolz, der entsteht, wenn man morgens weiß, warum man zur Arbeit geht.

Vielleicht beginnt genau hier die Geschichte der Schwinge Werkstätten: nicht mit einem Jubiläum, nicht mit Zahlen, sondern mit den Menschen, die diesen Ort Tag für Tag mit Leben füllen.

Es ist kurz vor acht Uhr, als die ersten weißen Kleinbusse auf das Gelände rollen. Einer nach dem anderen biegt auf den Parkplatz ein, Türen öffnen sich, Rucksäcke werden geschultert und überall sind kleine Begrüßungen zu hören. Auf den Bürgersteigen schlendern die unterschiedlichsten Menschen die Straße Am Hofacker entlang. Ein kurzes „Moin“, eine Umarmung, ein Lachen über eine Begebenheit vom Wochenende. Für viele beginnt der Tag mit dem Wiedersehen vertrauter Menschen.

Während die letzten Busse wieder vom Hof fahren, füllen sich nach und nach die Gebäude. Aus einer Halle dringt das gleichmäßige Surren der Maschinen. In der Tischlerei riecht es nach frisch bearbeitetem Holz. Irgendwo fällt eine Palette auf den Boden, jemand winkt einem Kollegen zu, aus einem anderen Raum ist Gelächter zu hören. Nichts daran wirkt außergewöhnlich. Und das mag überraschen.

Wer noch nie hier war, bringt fast immer ein Bild mit. Ein geschützter Ort, wohl ein wenig abgeschirmt und recht ruhig. Doch schon nach wenigen Minuten passt dieses Bild nicht mehr. Dafür ist hier zu viel Bewegung, zu viel Konzentration und zu viel ganz normaler Arbeitsalltag. Vor allem aber begegnet man Menschen, die mit einer Selbstverständlichkeit ihrer Arbeit nachgehen, die jede Schublade überflüssig macht.

Die Schwinge Werkstätten definieren Menschen nicht über eine Behinderung. Sie schauen auf das, was jemand kann, lernen möchte oder mit Unterstützung erreichen kann. Wer einen Vormittag hier verbringt, merkt schnell, dass daraus gelebter Alltag geworden ist: Wer ein paar Minuten stehen bleibt, merkt schnell, dass hier kaum jemand über seine nächsten Handgriffe nachdenken muss. Die Abläufe sitzen. Werkstücke wechseln den Arbeitsplatz, Maschinen laufen, zwischendurch wird gescherzt. Einer hilft beim Einspannen eines Bauteils, die Kollegin daneben nickt kurz zum Dank und arbeitet weiter.

Es begann 1976. Damals wagten 62 Beschäftigte mit den Schwinge Werkstätten den ersten Schritt. Getragen von Menschen, die den Mut hatten, eine Vision zu entwickeln: eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung nicht am Rand stehen, sondern mitten im Arbeits­leben ihren Platz finden. Heute, fünfzig Jahre später, sind aus den 62 um die 500 Beschäftigte geworden, begleitet von einer Vielzahl an Fachkräften an mehreren Standorten. Vom Hauptsitz in Stade bis zu den Este-Werkstätten in Buxtehude und den unterschiedlichen Wohneinrichtungen über den Landkreis verteilt.

Die Schwinge Werkstätten sind längst viel mehr als ein Ort, an dem gearbeitet wird. Sie sind ein Ort, an dem Menschen wachsen können. Manche beginnen ihren Weg im Berufsbildungsbereich und entdecken dort Fähigkeiten, von denen sie vorher selbst nichts geahnt haben. Andere arbeiten seit vielen Jahren in ihrem vertrauten Umfeld, übernehmen Verantwortung und geben ihre Erfahrungen an neue Kolleginnen und Kollegen weiter. Wieder andere bereiten sich Schritt für Schritt auf den Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vor.

Dort, wo aus Begegnungen Vertrauen wird

Verlässt man die Werkstätten, wird es plötzlich ruhiger. Nicht, weil hier weniger gearbeitet wird, sondern weil sich der Blick verändert. Nur wenige Schritte entfernt öffnet sich die Tür zur macherei, seit 2023 das Dienstleistungszentrum für Privatkunden. Auch hier geht es den ganzen Tag um Begegnungen: Eine Kundin bringt ihre Lieblingsbluse zur Änderungsschneiderei „fadenzauber“, ein Mann holt frisch gewaschene Wäsche aus dem „wäschewerk“ ab. Vor der Tür wartet bereits das nächste Auto auf seine Aufbereitung, während in der Werkstatt Reifen gewechselt werden. Andere stöbern durch die ­Second-Hand-Boutique „allerhand“ und freuen sich über ein besonderes Fundstück.

Es sind Dienstleistungen, wie sie viele Betriebe anbieten. Dass Beschäftigte der Schwinge Werkstätten beraten, annehmen, organisieren und mitarbeiten, hinterfragt hier niemand. Es ist normal. So sieht Inklusion aus. Nicht dann, wenn ständig darüber gesprochen wird. Sondern dann, wenn sie niemand mehr erklären muss.

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Fachmarkt. Zwischen Regalen voller Produkte entstehen Gespräche, werden Fragen beantwortet und Empfehlungen ausgesprochen. Auch hier geht es nicht nur darum, etwas zu verkaufen. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, Menschen zu beraten und im direkten Kontakt zu erleben, wie die eigene Arbeit ankommt. Wer den Beschäftigten dabei zusieht, erkennt schnell, wie viel Selbstvertrauen aus solchen Begegnungen entstehen kann: Sie erleben jeden Tag, dass ihre Arbeit gebraucht wird und dass Kundinnen und Kunden sich auf sie verlassen.

Ebenso spielt im Bistro-Café Haus der Vielfalt, seit 2017 Treffpunkt für viele in Stade-Hahle, dieser Gedanke eine besondere Rolle: Nachbarinnen und Nachbarn, Angehörige, Mitarbeitende und Gäste sitzen zusammen, trinken Kaffee oder genießen das Mittagessen. Die Gespräche an den Tischen unterscheiden sich nicht von denen in jedem anderen Café. Hier begegnen sich Menschen nicht mit dem Blick auf eine Behinderung. Sie begegnen sich einfach als Menschen.

Diese Offenheit endet weder an der Eingangstür noch in den Werkstätten. Nicht alle Beschäftigten arbeiten dabei unter den gleichen Voraussetzungen. Während in den Abteilungen der Schwinge Werkstätten Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung tätig sind, richtet sich das Angebot der Manufaktur an Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen. Ein einzigartiges Angebot im Landkreis Stade. Auch hier steht nicht die Diagnose im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Fähigkeiten. Die Arbeitsplätze bieten einen fördernden Rahmen, in dem Stabilität wachsen, Selbstvertrauen zurückkehren und neue Perspektiven entstehen können. Viele erleben hier, wie gut es tut, wieder Teil eines Teams zu sein, Verantwortung zu übernehmen und Schritt für Schritt in einen geregelten Arbeitsalltag zurückzufinden. Die Produktion der Flussbrett Produkte ist beispielsweise mittlerweile ein fester Bestandteil der Aufgaben der Tischlerei.
Dieser Satz „Ohne mich könnten die Flugzeuge nämlich nicht fliegen.“ klingt fast wie ein Scherz. Und doch liegt der Beschäftigte damit gar nicht so falsch. Je länger man darüber nachdenkt, desto klarer wird: Der Satz handelt nur bedingt vom Flugzeugbau. Er handelt von Bedeutung. Darum, dass die eigene Arbeit wichtig ist. Dass Unternehmen den Schwinge Werkstätten anspruchsvolle Aufgaben anvertrauen und dass die Beschäftigten erleben, wie ihre Arbeit Teil eines größeren Ganzen wird.

Wer dieses Vertrauen jeden Tag spürt, entwickelt Selbstbewusstsein auf eine ganz gesunde Art und Weise.

Es zeigt sich in einem zufriedenen Blick auf die erledigte Arbeit, in der Freude über einen zufriedenen Kunden oder in dem Stolz, wenn jemand erzählt, welche Aufgaben heute auf ihn warten.

Mehr als ein Arbeitsplatz

Je länger man in den Schwinge Werkstätten unterwegs ist, desto deutlicher wird, dass die Schwinge Werkstätten nicht an den Hallentoren enden. Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens. Aber eben nur ein Teil.
Für einige Beschäftigte beginnt oder endet der Tag in einem der verschiedenen Wohnangebote. Hier geht es um Menschen, die ihren Alltag möglichst selbstständig gestalten und dort Unterstützung erhalten, wo sie gebraucht wird. In den beiden Tagesförderstätten, die seit 1984 beziehungsweise 2005 bestehen, wird eine Tagesbetreuung für Menschen angeboten, die auf Grund schwerer Beeinträchtigung nicht am Arbeitsleben in den Schwinge Werkstätten teilnehmen können. Mit mehr als 40 Jahren Erfahrung und einem multiprofessionellen Team steht immer der einzelne Mensch im Mittelpunkt. Rund 30 Menschen finden hier einen verlässlichen Rahmen. Vertrauensvoll und immer individuell zugeschnitten!

Es ist dieses individuelle Miteinander, das sich wie ein roter Faden durch die vergangenen fünfzig Jahre zieht. Entwicklung bedeutet nicht für alle dasselbe: für den einen der erste selbstständig erledigte Arbeitsauftrag, für die andere ein neuer Verantwortungsbereich, für wieder andere der Schritt auf einen Arbeitsplatz außerhalb der Werkstätten. Möglich unter anderem durch den Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst. Nicht jeder entscheidet sich dafür. Und das muss auch niemand. Entscheidend ist, dass jeder seinen eigenen Weg gehen kann.

Dass die Beschäftigten dabei mitreden und mitgestalten, ist längst selbstverständlich geworden: Im Werkstattrat werden Interessen vertreten, Ideen eingebracht und Entscheidungen begleitet, die Frauenbeauftragte ist ­Ansprechpartnerin für persönliche Anliegen. Teilhabe heißt hier weit mehr, als einen Arbeitsplatz zu haben. Teilhabe heißt auch, eine Stimme zu besitzen und gehört zu werden.

Zu diesem Gedanken gehören auch die begleitenden Angebote. Sie finden nicht irgendwann nach Feierabend statt, sondern sind fester Teil des Arbeitsalltags und ihre Bandbreite überrascht: Wer möchte, macht den Gabelstapler-Führerschein oder übt an der „E-Ameise“, lernt Bus und Zug fahren oder nimmt am Verkehrssicherheitstraining teil, geht schwimmen, kegeln oder zum Dart, findet beim Qi Gong oder in der Kunstwerkstatt einen Ausgleich, näht, imkert oder besucht das Tierzentrum. Selbst ein eigenes Wolkenmobil gehört dazu. Arbeit wird hier nicht isoliert betrachtet. Sie ist eingebettet in ein Umfeld, das Menschen stärkt und ihnen Möglichkeiten eröffnet.

Die Abteilung „Pflege“ ergänzt alle Angebote. Zwei Fachkräfte unterstützen Beschäftigte im Alltag zum Beispiel bei der Medikamenteneinnahme, bei Blutdruck- oder Blutzuckermessungen, bei kleineren Verletzungen. Ein Angebot, das in Werkstätten für Menschen mit Behinderung nicht selbstverständlich ist.

Was an diesem Morgen begonnen hat, endet mit einer Erkenntnis, die sich durch keine Zahl ausdrücken lässt. Auch wenn die Zahlen für sich sprechen: Aus 62 Beschäftigten im Gründungsjahr 1976 sind heute um die 500 geworden. Fünfzig Jahre Schwinge Werkstätten stehen aber nicht in erster Linie für Gebäude, Maschinen oder Arbeitsbereiche. Sie stehen für Menschen, die Vertrauen geschenkt bekommen haben. Für Menschen, deren Fähigkeiten gesehen wurden. Für Menschen, die Verantwortung übernehmen, Freundschaften schließen, sich weiterentwickeln und stolz auf das sind, was sie jeden Tag leisten.

Wer die Schwinge Werkstätten nur vom Hörensagen kennt, wird nach einem Besuch vermutlich mit einem anderen Bild nach Hause gehen. Es geht hier nicht darum, was Menschen nicht können.

Es geht um all das, was möglich wird, wenn jemand an sie glaubt.

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Drei Beschäftigte der Schwinge Werkstätten sitzen und stehen auf einer Bank, zwei zeigen das Victory-Zeichen, eine Person hält eine Flasche.
© Jörg Struwe – picselweb.de

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„Ohne mich könnten die Flugzeuge nämlich nicht fliegen.“

Wer diesen Satz hört, muss unwillkürlich lächeln. Gesagt hat ihn einer der Beschäftigten in den Schwinge Werkstätten, irgendwo zwischen Arbeitsplätzen, Werkzeugen und dem ganz normalen Trubel eines Vormittags. Natürlich weiß er selbst, dass ein Flugzeug nicht von einem einzigen Menschen abhängt. Und doch steckt in diesen wenigen Worten etwas, das lange nachwirkt: ehrlicher Stolz. Der Stolz, der entsteht, wenn man morgens weiß, warum man zur Arbeit geht.

Vielleicht beginnt genau hier die Geschichte der Schwinge Werkstätten: nicht mit einem Jubiläum, nicht mit Zahlen, sondern mit den Menschen, die diesen Ort Tag für Tag mit Leben füllen.

Es ist kurz vor acht Uhr, als die ersten weißen Kleinbusse auf das Gelände rollen. Einer nach dem anderen biegt auf den Parkplatz ein, Türen öffnen sich, Rucksäcke werden geschultert und überall sind kleine Begrüßungen zu hören. Auf den Bürgersteigen schlendern die unterschiedlichsten Menschen die Straße Am Hofacker entlang. Ein kurzes „Moin“, eine Umarmung, ein Lachen über eine Begebenheit vom Wochenende. Für viele beginnt der Tag mit dem Wiedersehen vertrauter Menschen.

Während die letzten Busse wieder vom Hof fahren, füllen sich nach und nach die Gebäude. Aus einer Halle dringt das gleichmäßige Surren der Maschinen. In der Tischlerei riecht es nach frisch bearbeitetem Holz. Irgendwo fällt eine Palette auf den Boden, jemand winkt einem Kollegen zu, aus einem anderen Raum ist Gelächter zu hören. Nichts daran wirkt außergewöhnlich. Und das mag überraschen.

Wer noch nie hier war, bringt fast immer ein Bild mit. Ein geschützter Ort, wohl ein wenig abgeschirmt und recht ruhig. Doch schon nach wenigen Minuten passt dieses Bild nicht mehr. Dafür ist hier zu viel Bewegung, zu viel Konzentration und zu viel ganz normaler Arbeitsalltag. Vor allem aber begegnet man Menschen, die mit einer Selbstverständlichkeit ihrer Arbeit nachgehen, die jede Schublade überflüssig macht.

Die Schwinge Werkstätten definieren Menschen nicht über eine Behinderung. Sie schauen auf das, was jemand kann, lernen möchte oder mit Unterstützung erreichen kann. Wer einen Vormittag hier verbringt, merkt schnell, dass daraus gelebter Alltag geworden ist: Wer ein paar Minuten stehen bleibt, merkt schnell, dass hier kaum jemand über seine nächsten Handgriffe nachdenken muss. Die Abläufe sitzen. Werkstücke wechseln den Arbeitsplatz, Maschinen laufen, zwischendurch wird gescherzt. Einer hilft beim Einspannen eines Bauteils, die Kollegin daneben nickt kurz zum Dank und arbeitet weiter.

Es begann 1976. Damals wagten 62 Beschäftigte mit den Schwinge Werkstätten den ersten Schritt. Getragen von Menschen, die den Mut hatten, eine Vision zu entwickeln: eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung nicht am Rand stehen, sondern mitten im Arbeits­leben ihren Platz finden. Heute, fünfzig Jahre später, sind aus den 62 um die 500 Beschäftigte geworden, begleitet von einer Vielzahl an Fachkräften an mehreren Standorten. Vom Hauptsitz in Stade bis zu den Este-Werkstätten in Buxtehude und den unterschiedlichen Wohneinrichtungen über den Landkreis verteilt.

Die Schwinge Werkstätten sind längst viel mehr als ein Ort, an dem gearbeitet wird. Sie sind ein Ort, an dem Menschen wachsen können. Manche beginnen ihren Weg im Berufsbildungsbereich und entdecken dort Fähigkeiten, von denen sie vorher selbst nichts geahnt haben. Andere arbeiten seit vielen Jahren in ihrem vertrauten Umfeld, übernehmen Verantwortung und geben ihre Erfahrungen an neue Kolleginnen und Kollegen weiter. Wieder andere bereiten sich Schritt für Schritt auf den Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vor.

Dort, wo aus Begegnungen Vertrauen wird

Verlässt man die Werkstätten, wird es plötzlich ruhiger. Nicht, weil hier weniger gearbeitet wird, sondern weil sich der Blick verändert. Nur wenige Schritte entfernt öffnet sich die Tür zur macherei, seit 2023 das Dienstleistungszentrum für Privatkunden. Auch hier geht es den ganzen Tag um Begegnungen: Eine Kundin bringt ihre Lieblingsbluse zur Änderungsschneiderei „fadenzauber“, ein Mann holt frisch gewaschene Wäsche aus dem „wäschewerk“ ab. Vor der Tür wartet bereits das nächste Auto auf seine Aufbereitung, während in der Werkstatt Reifen gewechselt werden. Andere stöbern durch die ­Second-Hand-Boutique „allerhand“ und freuen sich über ein besonderes Fundstück.

Es sind Dienstleistungen, wie sie viele Betriebe anbieten. Dass Beschäftigte der Schwinge Werkstätten beraten, annehmen, organisieren und mitarbeiten, hinterfragt hier niemand. Es ist normal. So sieht Inklusion aus. Nicht dann, wenn ständig darüber gesprochen wird. Sondern dann, wenn sie niemand mehr erklären muss.

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Fachmarkt. Zwischen Regalen voller Produkte entstehen Gespräche, werden Fragen beantwortet und Empfehlungen ausgesprochen. Auch hier geht es nicht nur darum, etwas zu verkaufen. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, Menschen zu beraten und im direkten Kontakt zu erleben, wie die eigene Arbeit ankommt. Wer den Beschäftigten dabei zusieht, erkennt schnell, wie viel Selbstvertrauen aus solchen Begegnungen entstehen kann: Sie erleben jeden Tag, dass ihre Arbeit gebraucht wird und dass Kundinnen und Kunden sich auf sie verlassen.

Ebenso spielt im Bistro-Café Haus der Vielfalt, seit 2017 Treffpunkt für viele in Stade-Hahle, dieser Gedanke eine besondere Rolle: Nachbarinnen und Nachbarn, Angehörige, Mitarbeitende und Gäste sitzen zusammen, trinken Kaffee oder genießen das Mittagessen. Die Gespräche an den Tischen unterscheiden sich nicht von denen in jedem anderen Café. Hier begegnen sich Menschen nicht mit dem Blick auf eine Behinderung. Sie begegnen sich einfach als Menschen.

Diese Offenheit endet weder an der Eingangstür noch in den Werkstätten. Nicht alle Beschäftigten arbeiten dabei unter den gleichen Voraussetzungen. Während in den Abteilungen der Schwinge Werkstätten Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung tätig sind, richtet sich das Angebot der Manufaktur an Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen. Ein einzigartiges Angebot im Landkreis Stade. Auch hier steht nicht die Diagnose im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Fähigkeiten. Die Arbeitsplätze bieten einen fördernden Rahmen, in dem Stabilität wachsen, Selbstvertrauen zurückkehren und neue Perspektiven entstehen können. Viele erleben hier, wie gut es tut, wieder Teil eines Teams zu sein, Verantwortung zu übernehmen und Schritt für Schritt in einen geregelten Arbeitsalltag zurückzufinden. Die Produktion der Flussbrett Produkte ist beispielsweise mittlerweile ein fester Bestandteil der Aufgaben der Tischlerei.
Dieser Satz „Ohne mich könnten die Flugzeuge nämlich nicht fliegen.“ klingt fast wie ein Scherz. Und doch liegt der Beschäftigte damit gar nicht so falsch. Je länger man darüber nachdenkt, desto klarer wird: Der Satz handelt nur bedingt vom Flugzeugbau. Er handelt von Bedeutung. Darum, dass die eigene Arbeit wichtig ist. Dass Unternehmen den Schwinge Werkstätten anspruchsvolle Aufgaben anvertrauen und dass die Beschäftigten erleben, wie ihre Arbeit Teil eines größeren Ganzen wird.

Wer dieses Vertrauen jeden Tag spürt, entwickelt Selbstbewusstsein auf eine ganz gesunde Art und Weise.

Es zeigt sich in einem zufriedenen Blick auf die erledigte Arbeit, in der Freude über einen zufriedenen Kunden oder in dem Stolz, wenn jemand erzählt, welche Aufgaben heute auf ihn warten.

Mehr als ein Arbeitsplatz

Je länger man in den Schwinge Werkstätten unterwegs ist, desto deutlicher wird, dass die Schwinge Werkstätten nicht an den Hallentoren enden. Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens. Aber eben nur ein Teil.
Für einige Beschäftigte beginnt oder endet der Tag in einem der verschiedenen Wohnangebote. Hier geht es um Menschen, die ihren Alltag möglichst selbstständig gestalten und dort Unterstützung erhalten, wo sie gebraucht wird. In den beiden Tagesförderstätten, die seit 1984 beziehungsweise 2005 bestehen, wird eine Tagesbetreuung für Menschen angeboten, die auf Grund schwerer Beeinträchtigung nicht am Arbeitsleben in den Schwinge Werkstätten teilnehmen können. Mit mehr als 40 Jahren Erfahrung und einem multiprofessionellen Team steht immer der einzelne Mensch im Mittelpunkt. Rund 30 Menschen finden hier einen verlässlichen Rahmen. Vertrauensvoll und immer individuell zugeschnitten!

Es ist dieses individuelle Miteinander, das sich wie ein roter Faden durch die vergangenen fünfzig Jahre zieht. Entwicklung bedeutet nicht für alle dasselbe: für den einen der erste selbstständig erledigte Arbeitsauftrag, für die andere ein neuer Verantwortungsbereich, für wieder andere der Schritt auf einen Arbeitsplatz außerhalb der Werkstätten. Möglich unter anderem durch den Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst. Nicht jeder entscheidet sich dafür. Und das muss auch niemand. Entscheidend ist, dass jeder seinen eigenen Weg gehen kann.

Dass die Beschäftigten dabei mitreden und mitgestalten, ist längst selbstverständlich geworden: Im Werkstattrat werden Interessen vertreten, Ideen eingebracht und Entscheidungen begleitet, die Frauenbeauftragte ist ­Ansprechpartnerin für persönliche Anliegen. Teilhabe heißt hier weit mehr, als einen Arbeitsplatz zu haben. Teilhabe heißt auch, eine Stimme zu besitzen und gehört zu werden.

Zu diesem Gedanken gehören auch die begleitenden Angebote. Sie finden nicht irgendwann nach Feierabend statt, sondern sind fester Teil des Arbeitsalltags und ihre Bandbreite überrascht: Wer möchte, macht den Gabelstapler-Führerschein oder übt an der „E-Ameise“, lernt Bus und Zug fahren oder nimmt am Verkehrssicherheitstraining teil, geht schwimmen, kegeln oder zum Dart, findet beim Qi Gong oder in der Kunstwerkstatt einen Ausgleich, näht, imkert oder besucht das Tierzentrum. Selbst ein eigenes Wolkenmobil gehört dazu. Arbeit wird hier nicht isoliert betrachtet. Sie ist eingebettet in ein Umfeld, das Menschen stärkt und ihnen Möglichkeiten eröffnet.

Die Abteilung „Pflege“ ergänzt alle Angebote. Zwei Fachkräfte unterstützen Beschäftigte im Alltag zum Beispiel bei der Medikamenteneinnahme, bei Blutdruck- oder Blutzuckermessungen, bei kleineren Verletzungen. Ein Angebot, das in Werkstätten für Menschen mit Behinderung nicht selbstverständlich ist.

Was an diesem Morgen begonnen hat, endet mit einer Erkenntnis, die sich durch keine Zahl ausdrücken lässt. Auch wenn die Zahlen für sich sprechen: Aus 62 Beschäftigten im Gründungsjahr 1976 sind heute um die 500 geworden. Fünfzig Jahre Schwinge Werkstätten stehen aber nicht in erster Linie für Gebäude, Maschinen oder Arbeitsbereiche. Sie stehen für Menschen, die Vertrauen geschenkt bekommen haben. Für Menschen, deren Fähigkeiten gesehen wurden. Für Menschen, die Verantwortung übernehmen, Freundschaften schließen, sich weiterentwickeln und stolz auf das sind, was sie jeden Tag leisten.

Wer die Schwinge Werkstätten nur vom Hörensagen kennt, wird nach einem Besuch vermutlich mit einem anderen Bild nach Hause gehen. Es geht hier nicht darum, was Menschen nicht können.

Es geht um all das, was möglich wird, wenn jemand an sie glaubt.

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